5 Minuten für die eigene Entscheidung

Wir haben einen wunderbaren Gastbeitrag von einer Texterin-Kollegin geschenkt bekommen. Wer könnte besser aus der Erfahrung vom Jonglieren des Job-Alltags sprechen – als eine Freiberuflerin, die unterschiedliche Kunden, Deadlines, Agenturbedürfnisse etc. zusammenbringen muss. Wenn dann noch als zusätzlicher Jonglierball die Familie dazukommt – wird es unweigerlich manchmal turbulent. Wie frau da den Raum für eigene Entscheidungen erhält, lest Ihr im folgenden Blogbeitrag. Vielen Dank liebe Andrea Görsch (www.wortladen.com)

Den Zitronensaft müssen Sie trinken, da führt kein Weg vorbei. Aber Sie können sich aussuchen wie: mit verkniffenem Mund oder genießend mit einem Löffel Honig – diese Entscheidung haben wir immer.

An einem Dienstagabend, kurz vor dem Schlafengehen, ziehen meine Kinder einen Elternbrief aus dem Schulranzen: „Die Schule endet morgen bereits um 13 Uhr.“ Schnappatmung, denn damit verringert sich meine Arbeitszeit gerade mal eben um knapp drei Stunden.

Mir wird heiß und kalt, als ich im Kopf kurz die Agenda für den nächsten Tag durchgehe: Erst heute Vormittag sagte ich nämlich verbindlich der Agentur die Broschüre mit meinen Korrekturen für morgen zu. 10 Uhr: Telefontermin mit einer Textkundin. Meinen Mittwochstweet auf Twitter posten, die To-do-Liste zur Vorbereitung der Lektorentage, nach getaner Arbeit in Muße ein, zwei private E-Mails schreiben …

Am nächsten Morgen: Die Kinder sind bereits in der Schule, jetzt noch schnell eine Kanne Tee kochen. Wie das so ist, wenn es schnell gehen soll, die Teedose fällt mir aus der Hand.

Halt.

Vorsichtig tänzele ich um die auf dem Boden liegenden Teeblätter, kratze den letzten Rest aus der Dose, gieße den Tee auf und hole mir Papier und Stift. Mit der Lieblingstasse setze ich mich an den Esstisch und überlege:

Was muss ich tun, was kann ich tun?

– die Broschüre muss am Mittag korrigiert beim Kunden sein

– ohne das Telefonat könnte es klappen

– der Mittwochstweet könnte mal ein Buchtipp sein, warum nicht nachmittags?

– wen stört es, ob die To-do-Liste noch einen Tag länger liegt …

– meine privaten E-Mails schreibe ich abends

Das wars schon? Gefühlt wars doch viel mehr? Nein? Nein. Meine Laune steigt – auch wenn meine Arbeitszeit gekappt wurde. Ich entscheide selbst, wie ich damit umgehe. Um halb neun schreibe ich der Textkundin eine E-Mail und biete ihr ein Telefonat am Nachmittag an.

Mittwochmittag: Pünktlich zu Schulschluss liegt die korrigierte Broschüre beim Kunden. Um 15 Uhr dürfen die Kinder auf dem iPad spielen, so klappts mit dem vereinbarten Telefonat. Und danach trinke ich eine Tasse heiße Zitrone mit ganz viel Honig.